Augenhöhe & Konzern geht nicht? – Interview mit Thomas Sattelberger

Ein Sonntags-Gespräch mit Thomas Sattelberger, geführt von Joachim Beyer-Wagenbach

Ein Sonntags-Gespräch mit Thomas Sattelberger (TS), geführt von Joachim Beyer-Wagenbach (JBW vom Orgateam AH-Camp Karlsruhe & Die Macht der Stimme) – am 19.11.2018

JBW: „Zunächst einmal, ganz herzlichen Dank, lieber Herr Sattelberger, für die Zeit und Ihr Interesse an diesem Gespräch! Was hat denn ganz konkret dazu beigetragen, dass Sie (wie Sie es selber einmal im Augenhöhe-Film sagten) vom „harten Hund“ zum Augenhöhe-Gedanken kamen?“

TS: „Das waren mehrere, teils sehr einschneidende Erlebnisse. Ein für mich besonders eindrückliches war der 11.09.2001, als ich bei Lufthansa vor der Frage stand, wie bekomme ich die Kabinen-Crews dazu, wieder an Bord zu gehen – wir hatten eine spontane 40%-Kranken-Quote! Und als ich zu meinen Mitarbeitern, die für die Einsatzplanung zuständig waren, sagte, da müssen wir unsere Leute auch mal auf die Pflichten aus ihrem Arbeitsvertrag hinweisen, hörte ich ein mehrfaches und sehr entschiedenes „Nein!“. Nach einer andern Lösung bzw. einem anderen Weg gefragt, bekam ich zu hören: Wir würden die Kollegen gerne anrufen und sie fragen: „Wie geht es Dir?“
Das bekommt ihr doch logistisch gar nicht hin, war meine Antwort. Doch, kommen Sie doch bitte mal mit, Herr Sattelberger. Und so gingen wir in das Service-Center, wo Dutzende von Kollegen saßen, die nur darauf warteten, dass ich den Startschuss für diese Aktion gab… Dieses und etliche weitere Erlebnisse in meinem Alltag als Manager haben dazu beigetragen, mich mehr am Menschen zu orientieren, mehr Interesse zu haben und zuzuhören, was Menschen tatsächlich bewegt und nicht nur dem eigenen Denken zu folgen.

JBW: „Warum ist Augenhöhe ein „MUSS“ gerade für Konzerne?“

TS: „Ich bin ja bekanntermaßen ein großer Skeptiker bzgl. der Transformationsfähigkeit von Konzernen! Wenn, dann gelingt es nur langfristig und ist eine immens schwierige Aufgabe, denn die Steuerungs-Logik von/in Konzernen ist eine ganz andere und auch weiterhin nahezu ausschließlich dem Sharholder-Value verpflichtet. Allerdings gibt es Gestaltungs-Spielräume, die teilweise mit der jeweiligen Vorstandschaft zu tun hat und entweder mehr oder weniger Augenhöhe (=Menschlichkeit, partnerschaftliche Kommunikation und Umgang) ermöglicht. Teilweise habe ich aber auch sehr interessante „Augenhöhe-Insel-Lösungen“ erlebt, was von Führungskräften aktiv praktiziert wird. Ich habe da sehr viele unterschiedliche und auch innerhalb eines Konzerns sehr wechselnde Modelle erlebt, sowohl mit einer positiven wie auch sehr negativen Führungs-Kultur – eben je nachdem, wie gerade „der Wind von oben wehte“. Wozu ich Führungskräfte sehr ermutige: Nutzen Sie Freiräume, schaffen Sie sich und Ihren Mitarbeitern ganz aktiv Frei-Räume, in denen Sie eine andere, offenere Kultur in Ihrem Verantwortungsbereich ermöglichen, wohl wissend, dass dies nicht im gesamten Unternehmen gelebt werden wird und somit auch unterschiedlich enge Grenzen hat.
Ich bin der (sehr pragmatischen) Überzeugung: Alles, was dabei hilft, Arbeitswelten menschlicher zu gestalten, hilft, auch wenn sich der Charakter der Organisation nicht verändert. Und das ist dann auch anders als im Mittelstand bei familiengeführten Unternehmen, die evtl. schon über viele Jahrzehnte in Familienhand sind: Die haben eine ganz andere „Kultur-DNA“ (auch da gibt es positive wie negative!!)

JBW: „Was könnten aus Ihrer Sicht und Erfahrung wichtige Themen sein, die beim AH-CAMP in Karlsruhe von den Teilnehmenden in den Sessions besprochen werden könnten/sollten, um diesem „Insel-Gedanken“ näher zu kommen?“

TS: „Gemeinsame Not und gemeinsamen Sinn teilen, besprechen, diskutieren, austauschen. Und dann auch das „Muster der Unzufriedenheit“ erkennen (und auch für sich selbst durchbrechen?). Prägend für Unternehmen ist dieser gemeinsame Sinn und der ist nicht, der Erste oder Beste zu sein oder nochmal mehr Gewinne zu machen. Sondern es geht darum, die Bedürfnisse der Kunden und auch der Mitarbeiter ernst zu nehmen.
Und dann können Menschen bei solchen Veranstaltungen auch mal gemeinsam träumen: Wie könnte es denn sein? Wie könnte es werden, wenn wir auf diesem AH-Weg gemeinsam weiter gehen?
Und  dann miteinander ganz realistisch überlegen, was konkrete erste Schritte dahin sind und die dann tun! Ein Zukunftsbild halte ich für ganz wichtig.
Ich habe ja in meinem Buch „das demokratische Unternehmen“ 4 Dimensionen aufgespannt, die ganz wichtig sind für Unternehmen, die sich auf den Weg machen oder sich transformieren wollen:

  • Teilnahme und Teilhabe (beides ist gleichermaßen wichtig!)
  • Souveränität (Freiheitsgrade für das „wie, wo, was, wann und v.a. wozu“ meiner Arbeit)
  • Diversity (und das jetzt nicht im Sinne von Mann/Frau oder Alt/jung), sondern: Unterschiedlichkeit wertschätzen
  • Balance: nach intensiven und kräftezehrenden Phasen auch Phasen der Entspannung! Und auch eine Balance zwischen Mitarbeitern, Kunden und Eigentümern! Wie viel Selbst-Gestaltung ist machbar? Und das kann jeder/jede für sich bilanzieren: IST-Stand und wohin soll die reise gehen? Wie kann ich mir das am ehesten erfüllen?

JBW: Abschließend noch eine Frage: Wie kann es denn gelingen, dass gute Ideen von „Vor-Denkern“ etwas mehr umgesetzt werden?

TS (lacht): Wissen Sie, in meiner jetzt nun schon jahrzehntelangen Erfahrung habe ich immer wieder unterschiedliche (gute) Ansätze erlebt und gesehen, die allesamt nicht ganz genau so umgesetzt wurden, wie die Ideengeber es sich gedacht hatten. Aber eines habe ich auch gesehen: Immer wieder kamen und  kommen Ideen auf und zum Durchbruch: Und mit jeder dieser Idee wird die Welt ein kleines Stückchen besser. Karl Popper hat es mal so ausgedrückt: Nicht die großen Visionen, sondern die kleinen Bilder und das tägliche Handeln sind entscheidend!
Zudem plädiere ich sehr dafür, dass es zu einer Renaissance der psychologischen Reflexion und auch der Gruppen-Dynamik kommt, das halte ich gerade in Unternehmen für entscheidend.
Und was Menschen dazu bringt, sich zu verändern: Edgar SCHEIN bringt es für mich gut zum Ausdruck: Erschütternde Erlebnisse können eher dazu führen, dass Menschen ihre Muster verändern und ihr Leben (in allen Facetten) neu betrachten. Das kann ein Widerstand sein, ein NEIN, eine Krise –(Nachfrage JBW: so, wie es bei Ihnen z.B. das beschriebene Erlebnis am 11.09.2001 mit Ihren Mitarbeitern war?   TS: Ja, zum Beispiel)

TS: Und was mir auch noch wichtig ist: Bei Veränderungen jedweder Art geht es immer um 3 Ebenen, die zu beachten/ zu bedenken sind:

  • Die  Organisations-Logik und Struktur: Wie viel Freiheit und Spielraum ist darin für die Beteiligten überhaupt möglich?
  • Die Macht- und Beziehungs-Ebene: Wie viel Freiheit und Gestaltung gelebter Augenhöhe-Kultur ist gewollt und machbar?
  • Selbst-Ebene: wie setze ich als Individuum mich und meine Freiheit ein und meine eigenen Ziele und Werte um?

JBW: Ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen für Ihren neuen Weg als Bundestagsabgeordneter alles Gute.

 

Quelle: http://augenhoehe-camp.de/ahcamps-2018/augenhoehecamp-karlsruhe-2018/interview-mit-thomas-sattelberger/

Augenhöhe & Konzern geht nicht? – Interview mit Thomas Sattelberger