Potenzialentfaltung – ein Prozess intensiver (buddhistischer) Übungen

Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha:
1. Die Wahrheit vom Leiden: Das Leben ist von Leid geprägt
2. Die Wahrheit von der Ursache des Leidens: Die Ursachen sind Gier, Hass und Unwissenheit
3. Die Wahrheit vom Aufhören des Leidens: Das Leid kann überwunden und aufgehoben werden
4. Die Wahrheit vom Weg zum Aufhören des Leidens: Dieser Weg ist der Edle Achtfache Pfad. Die aktive Übung dieser acht Faktoren führt schließlich zur Befreiung vom Leiden.

   Was haben diese auf den ersten Blick relativ nüchternen und unspektakulären Aussagen nun mit unserem ganz persönlichen und sehr konkreten Leiden und seiner Auflösung zu tun? Weil wir nicht wissen, wer oder was wir in Wirklichkeit sind, sind wir von einer tiefen Unsicherheit erfüllt. Im panischen Versuch, Sicherheit zu gewinnen, „frieren“ wir einen kurzen Moment unserer Wahrnehmung ein und identifizieren uns damit. Ein Selbstbild ist entstanden und bildet als „Ich“ fortan den Nukleus für unser Erleben der Welt, das automatisch subjektiv und damit selektiv ausfällt: Alles, was unser Selbstbild bestätigt, wird als angenehm empfunden – Begehren und Anhaftungen sind die Folge. Alles, was unser Selbstbild in Frage stellt oder bedroht, ist unangenehm – Abneigung und Aggression entstehen. Unter dem Druck von Anhaftung und Abneigung versuchen wir nun, uns selbst und unsere Umwelt so zu manipulieren, dass das Angenehme zunimmt und das Unangenehme abnimmt. Diese Art Gedanken, Worte und Handlungen verdichten sich allmählich zu Gewohnheitsmustern. Die eingefahrenen Gewohnheitsmuster werden schließlich zu unserem Charakter, werden immer unausweichlicher, schicksalhafter. Die Fähigkeit zu spontanem, ungewohntem Handeln geht uns mehr und mehr verloren. Am Ende reagieren wir nur noch unter dem Diktat unserer Gewohnheiten. Das Ergebnis ist der beinahe völlige Verlust unserer Freiheit. Diese extreme Unfreiheit und die aus ihr resultierende Frustration sind gemeint, wenn Buddha in der Ersten Edler Wahrheit vom Leiden spricht.

   Die Zweite Edle Wahrheit sagt, dass unser Leiden Ursachen hat. Diese Ursachen sind, wie wir oben gesehen haben, Unwissenheit – besser Nicht-Erkennen (unserer wahren Natur) -, Begehren und Abneigung. Der ganze Prozess beginnt mit Nicht-Erkennen, aus dem sich Begehren und Abneigung zwangsläufig ergeben. Aber allein die Aussage, dass das Leiden Ursachen hat, ist an sich schon revolutionär, denn was Ursachen hat, ist weder Schicksal noch Zufall noch unergründlicher Ratschluss einer höheren Macht. Es ist schlicht und einfach Ergebnis, Wirkung. Das heißt, es ist veränderbar. Verändert man die Ursachen, verändert sich die Wirkung. Nach buddhistischer Vorstellung muss man sich also nicht fatalistisch in sein Schicksal ergeben, sondern man kann sein Leben, also jede Situation, gestalten und verändern.

   Die Möglichkeit der Gestaltung der eigenen Wirklichkeit liegt in den eigenen Händen, in der eigenen Verantwortung. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden – die Dritte Edle Wahrheit. Mit anderen Worten: Ist das von uns selbst erschaffene und im Laufe unseres Lebens immer weiter verstärkte Ich als Wahn, als künstliches Konstrukt erkannt, bricht das gesamte darauf errichtete Gebäude aus Konzepten, Vorstellungen, Vorlieben und Abneigungen zusammen, und der Platz wird frei für die direkte Einsicht in die wahre Natur unseres Geistes. An dieser Stelle der Unwissenheit tritt Weisheit. An Stelle des Nicht-Erkennens tritt Erkennen. Damit dieses Erkennen aber wirklich zum Aufhören des Leidens führen kann, muss es uns bis in unsere tiefsten Tiefen erschüttern. Eine rein intellektuelle Einsicht reicht nicht.    Die Vierte Edle Wahrheit schließlich umfasst im Achtfachen Pfad sämtliche Methoden, die angewendet werden müssen, um die Befreiung von jeder Wahnhaftigkeit zu erreichen. Diese Methoden teilen sich in äußere wie rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechtem Bemühen und innere wie rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung. Die äußeren Methoden ließen sich unter dem Begriff Ethik zusammenfassen, die inneren Methoden unter dem Begriff Meditation. Erst das enge Zusammenwirken von ethischem Verhalten und meditativer Übung garantiert nach buddhistischem Verständnis, dass die Einsicht in die wahre Natur über die Ebene eines rein intellektuellen Verständnisses hinausgelangen und en Übenden zu einem wahrhaft freien, erwachten und gleichzeitig liebevollen Menschen, einen Buddha, machen kann. Durch die äußeren Faktoren stellen wir Harmonie in uns selbst und in unserer Umwelt her und sorgen so für die nötigen förderlichen Bedingungen, um mit Hilfe der inneren Faktoren die Einsicht in die tiefsten Schichten unseres Geistes vordringen und dort die Illusion eines von allem anderen entfremdeten Ichs und der mit ihr verbundenen Gewohnheitsmuster auflösen lassen zu können. Am Ende des Prozesses intensiver Übung, die alle Aspekte menschlichen Seins einbezieht, steht also Erwachen (zur endgültigen Wirklichkeit), Erleuchtung oder Buddhaschaft – alles Synonyme für einen Zustand, in dem jede Wahnhaftigkeit erloschen und unser Potenzial vollkommen entfaltet ist.