Transaktionales Stressmodell

Transaktionales Stressmodell

Nicht jeder Mensch geht mit externen Stressfaktoren wie z.B. Zeitdruck, Aufgabenvielfalt oder Konflikte im sozialen Umfeld auf die gleiche Weise um. Einige Menschen werden durch ein und denselben externen Stressor stärker gestresst und psychisch beansprucht als andere. Warum ist das so? Eine Erklärung für die großen Unterschiede bietet das Transaktionale Stressmodell von Lazarus. Es geht davon aus, dass die Reaktion auf externe Stressfaktoren maßgeblich von den Gedanken, Beurteilungen und Bewertungen einer Person in der jeweiligen Situation bestimmt werden. Stress entsteht, wenn ein Ungleichgewicht besteht zwischen den Anforderungen, die an eine Person gestellt werden, und den persönlichen Möglichkeiten und Ressourcen, die zur Verfügung stehen, um die Anforderungen zu bewältigen.

Bei den Stressoren, d.h. den Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit für eine Stressreaktion erhöhen unterscheidet Lazarus zwischen kritischen Lebensereignissen, wie körperliche Erkrankungen und der Tod einer nahe stehenden Person und den sog. „daily hassles“ also alltäglichen Ärgernissen. Stressoren am Arbeitsplatz sind z.B. Arbeitsunterbrechungen, Zeitdruck und Monotonie, soziale Stressoren und Rollenkonflikte.

Ob die Stressoren zu Beanspruchungsfolgen führen hängt nach Lazarus davon ab, wie das Individuum die Situation bewertet und bewältigt.

Die Bewertung des Stressors erfolgt in mehreren Schritten:

Zuerst wird die Situation entweder als irrelevant, angenehm-positiv oder stressrelevant eingeschätzt (primäre Bewertung). Stressrelevante Situationen werden weiterhin unterteilt in Bedrohung, Schädigung/Verlust und Herausforderung. Bedrohung und Schädigung/Verlust sind eher mit negativen Emotionen wie Angst, Ärger und Besorgnis verbunden. Eine Herausforderung geht eher mit positiven Empfindungen wie Zuversicht, Interesse und Hoffnung einher, weil mit ihr die Möglichkeit einer erfolgreichen Bewältigung der Stresssituation verbunden ist.

Beim zweiten Schritt (sekundäre Bewertung) erfolgt die Einschätzung der eigenen Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten. Es wird abgewogen, welche Bewältigungsmöglichkeiten verfügbar sind, welche Erfolgswahrscheinlichkeit diese haben und inwieweit man die Bewältigungsstrategien beherrscht. Erste Bewältigungsversuche können nach und nach dazu führen, dass sich die Ausgangsituation ändert und neue Informationen und Ressourcen dazu gewonnen werden können. Dadurch kann es zu einer Neubewertung der Situation kommen.

Im dritten Schritt (Neubewertung) wird der Erfolg der Bewältigungsstrategie bewertet, um eine dynamische Anpassung an die neue Situation zu gewährleisten. Lernt ein Stresspatient, wie er mit einer Bedrohung (primäre Bewertung der Situation) umgehen kann, stellt sie sich eventuell nur noch als eine Herausforderung dar. Ebenso kann eine Herausforderung zur Bedrohung werden, wenn keine angemessene Bewältigung durchführbar ist. Diese Möglichkeit der Veränderung der Erstbewertung bezeichnet Lazarus als „Reappraisal“ (deutsch Neubewertung).

Zur Bewältigung von Stresssituationen greift der Mensch auf subjektive Bewältigungsstrategien zurück, sog. „Coping“-Strategien (vom englischen Verb to cope = etw. bewältigen, zurechtkommen, mit etw. fertigwerden). Sowohl die Ressourceneinschätzung als auch die Wahl der Bewältigungsstrategien hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, u.a. von persönlichen „Soll-Werten“, von den kognitiven Strukturen der Person, von ihren bislang gemachten Erfahrungen mit bestimmten Situationen bzw. dem Erfolg bestimmter Coping-Strategien, sowie von der wahrgenommenen Unterstützung durch andere.

Lazarus unterscheidet drei Arten der Stressbewältigung: das problemorientierte, das emotionsorientierte und das bewertungsorientierte Coping:

Problemorientiertes Coping
Darunter versteht man, dass das Individuum versucht, durch Informationssuche, direkte Handlungen oder auch durch Unterlassen von Handlungen Problemsituationen zu überwinden oder sich den Gegebenheiten anzupassen. Diese Bewältigungsstrategie bezieht sich auf die Ebene der Situation bzw. des Reizes.

Emotionsorientiertes Coping
Das emotionsorientierte Coping wird auch „intrapsychisches Coping“ genannt. Hierbei wird in erster Linie versucht, die durch die Situation entstandene emotionale Erregung abzubauen.

Bewertungsorientiertes Coping
Lazarus verwendet den Begriff „reappraisal“ (Neubewertung) in zwei Zusammenhängen: zum einen bezüglich des Bewertungsprozesses, wie oben erwähnt. Zum anderen ist die Neubewertung einer Stresssituation gleichzeitig eine Copingstrategie. Die betroffene, „gestresste“ Person kann ihr Verhältnis zur Umwelt kognitiv neu bewerten, um so adäquat damit umzugehen. Das Hauptziel beim bewertungsorientierten Coping liegt darin, eine Belastung eher als Herausforderung zu sehen, weil so ein Lebensumstand positiv bewertet wird und dadurch Ressourcen frei werden, um angemessen zu reagieren. Dies kann nur gelingen, wenn konkrete Problemlösungsansätze gefunden werden (siehe problemorientiertes Coping). Es müssen also verschiedene Bewältigungsstrategien kombiniert werden.