Es wird wieder vorüber gegangen sein

 

ein Beitrag von Dr. Renate Huber

 

„Es wird wieder vorüber gegangen sein“

Der österreichische Bundespräsident vermittelt mit diesem Satz in der Karwoche Hoffnung. Mit der ungewöhnlichen Satzkonstruktion wechselt er in seinem Storytelling rund um Corona doppelt die Zeitperspektive – und rückt damit Chancen konstruktiver Transformation in den Fokus.

Alexander Van der Bellen verwendet für diesen wunderbaren Satz das Futur II. Oder die Vor-Zukunft. Diese Zeitform kommt in der gesprochenen Alltagssprache selten vor. Hier ist sie jedoch klug gewählt. Sie beschreibt nicht einfach ein Ereignis, das von jetzt aus gesehen in der Zukunft liegt. Vielmehr zeigt sich so ein Ereignis, das von einer fernen Zukunft aus gesehen schon wieder in der Vergangenheit liegt, obwohl es vom Hier und Jetzt aus betrachtet nach wie vor zukünftig ist.

Es gibt in diesem Satz also drei Perspektiven:

  • Aus der Gegenwart „Jetzt ist Corona da“ – wir stecken noch mittendrin.
  • Von einem Zeitpunkt in der Zukunft „Corona wird ‘vorbei‘ sein“ – wir sind dann grad dabei, es zu überwinden, die Anstrengung steckt uns noch in den Knochen.
  • Von einer ferneren Zukunft aus, wenn diese Vor-Zukunft schon wieder Vergangenheit ist  als „Corona wird ‘vorbei‘ gegangen sein“ – wir haben uns längst wieder mit anderen Dingen beschäftigt.

Von diesem Zeitpunkt aus erzählen wir das Ende von Corona nicht mehr in der Möglichkeitsform (Konjunktiv), sondern in der Wirklichkeitsform (Indikativ) und als etwas Vergangenes. Wir haben es dann bereits in unsere Lebenserzählung integriert. Spannend ist nun die Frage, was genau wir integriert haben werden, wenn es „wieder vorüber gegangen sein“ wird.

Zeitschichten

Diese Frage, was wie unter welchen Rahmenbedingungen in die gemeinsame Erzählung Eingang findet, stellte sich auch der inzwischen verstorbene Historiker Reinhart Koselleck. In seinem Buch „Zeitschichten“ verglich er die historische Geschichtsschreibung mit den Jahresringen eines Baumes. Wenn während des Wachstums eines Baumes ein Winter besonders hart oder ein Sommer besonders trocken war, lässt sich das an seinen Jahresringen ziemlich exakt ablesen.

Metaphorisch gesprochen wird sich der Corona-Jahresring 2020 in der zukünftigen Großerzählung zu unserer Gesellschaft absolut markant abheben. Er wird anders sein als die bisherigen. Wie die zukünftigen aussehen werden, wissen wir noch nicht.

Wenn zum Zeitpunkt von „Es wird wieder vorüber gegangen sein“ der Corona-Jahresring als einmaliger Ausreißer aus der Entwicklung des Baumes davor und danach herausstechen wird, sind wir als Gesellschaft wohl wieder zum alten „Normal“ zurückgekehrt. Ist hingegen das Danach deutlich vom Davor unterschieden, dann mag es uns gelungen sein, ein irgendwie neues „Normal“ zu integrieren.

„Erinnerungsschleusen und Erfahrungsschichten“

Immer wieder wird darauf verwiesen, dass wir als Gemeinschaft seit dem Zweiten Weltkrieg keine so große Herausforderung mehr zu bewältigen hatten wie diese aktuelle. Absolut verdichtete Erfahrung, an der niemand vorbeikommt. „Erinnerungsschleusen und Erfahrungsschichten“ nannte Koselleck diese spezielle Form des Erinnerns von gemeinsam erlebten, einschneidenden Ereignissen durch Zeit- und Raumgenoss*innen. Zwar sind die individuellen Geschichten durchaus vielfältig und unterschiedlich. Aber es gibt eine grundlegende Großerzählung, der sich niemand entziehen kann.

Manche von uns hat Corona besonders hart und tief getroffen, manche von uns erleben die Auswirkungen dieser Krise zwar immer noch von einer relativ gesicherten Komfortzone aus. Aber für alle von uns hat sich das Leben markant verändert – mit tiefschürfenden Eingriffen ins soziale und wirtschaftliche Leben.

Also doch so etwas wie ein Point of no Return, ein Punkt ohne Wiederkehr, an dem die Rückkehr zum Ausgangspunkt nicht mehr möglich ist?

Gedankenexperiment Wunder

Ich lade Sie zu folgendem Experiment ein: Zugegeben, vermutlich ist es äußerst unwahrscheinlich, aber angenommen, Sie würden heute Abend schlafen gehen und über Nacht mitten im Schlaf würde das Wunder passieren: „Corona ist ‘vorbei‘!“ Sie wüssten beim Aufwachen sofort, dass das Wunder geschehen ist. Woran würden Sie es merken? … Woran noch? … Wer würde es noch merken? … Woran? … Nehmen Sie sich für die Beantwortung dieser Fragen ruhig Zeit und spinnen Sie Ihre Gedanken weiter.

Sie werden nun womöglich feststellen, dass mit diesem Einlassen auf den Prozess der Wunderfrage das Wunder zumindest teilweise in Ihre konkrete Vorstellungswelt hereingerutscht ist – ohne lange danach zu fragen, wie das denn genau möglich war. Die Vor-Zukunft als realer Möglichkeitsraum. Ganz ohne kausale Wenn-Dann-Erklärungsketten.

Diese Bilder werden etwas mit Ihren Sehnsüchten zu tun haben, wie Sie sich die Zukunft so wirklich vorstellen wollen. Welche Geschichten unseres Lernens und Erkennens wollen wir also zukünftig erzählen?

Augenmerk auf die Geschichte der Verlierer

Im Hinblick auf die Deutung von Kriegs- und Nachkriegszeiten empfahl Reinhart Koselleck insbesondere die Geschichten der Verlierer*innen in den Blick zu nehmen. Wenn sich nämlich die Gegenwart plötzlich anders zeigt, als die Vergangenheit vermuten und erhoffen ließ, steigt der Bedarf, die erlebten Brüche und Krisen in die Gesamtgeschichte zu re-integrieren.

Weder Kriege noch Pandemien sind – das soll hier betont werden – wünschenswerte Krisen. Es geht nicht darum, dass Menschen zwangsweise leiden müssen, um wachsen zu können. Das wäre ein wenig hilfreiches Menschenbild. Dennoch steckt in jeder Transformation fast zwangsläufig ein bestimmter Anteil an Schmerz.

Jeder Krise wohnt ein ausgeprägtes Bedürfnis inne, sie zu überwinden. Denn es ist nicht leicht, mit Nichtwissen, Verwirrung und Hilflosigkeit konstruktiv umzugehen, auch wenn es genau jene „Helferlein“ (Matthias Varga von Kibéd) sind, die erst Platz schaffen, um dann neue Strukturen zu etablieren.

Die Frage ist nun, haben wir uns nach dem Aufwachen und dem Erkennen des Wunders einfach wieder hingelegt und die anderen machen lassen? Oder sind wir aufgestanden und haben unser eigenes Wunder nach unseren Vorstellungen in die Welt gebracht?

Wenn Sie sich für letzteres entscheiden, stellen Sie sich bewusst folgende Fragen: Welche Zukunft möchte ich haben und was ist mein Beitrag dazu? Oder: Was ist meine Vision, was ist meine Mission?

Vom Verlieren und Gewinnen

Wir haben alle durch Corona etwas verloren. Wir haben daher auch alle das Potential, aus dem Verlorenen etwas zu lernen und die Zukunft in eine andere Richtung zu lenken und zu denken.

Meine Hoffnung ist, dass wir auch etwas dazugewinnen werden. Eine solche Krise öffnet den Raum für bewusste Entscheidungen, welche alten Zöpfe abgeschnitten, was an Neuem hinzugenommen und was an Wertvollem beibehalten werden soll. Gelingt es uns etwa, die aktuell in unserer Gesellschaft vorhandene Verbundenheit und Solidarität als wertvolle Ressource auch in diese zukünftige Welt nach der Krise mitzunehmen?

An diesem zurückliegenden, außergewöhnlichen Ostermontag habe ich am Pfänderhang über dem Bodensee drei Kinder im Volksschulalter getroffen und mich mit ihnen über ihren jetzigen außerordentlichen Alltag unterhalten.

Oral History – Rückschau

Als Historikerin interessiert mich, aus welchen „Erinnerungsschleusen und Erfahrungsschichten“ gerade sie einmal schöpfen werden, wenn an den zukünftigen Jahresringen sichtbar werden wird, welche Art von „Normal“ sich nach Corona etabliert hat. Welche Werte werden dann gelten und was werden sie ihren eigenen Kindern und Enkelkindern von ihren dann vergangenen, jetzigen Erlebnissen weitergeben? Wie wird unsere Welt ausschauen?

Oral Future– Vorschau

Noch mehr interessiert mich jedoch als Zukunftsgestalterin, wie wir jetzt unsere Möglichkeiten nutzen wollen, unsere Gesellschaft aus dieser Krise heraus co-kreativ weiterzuentwickeln und welche Geschichten Sie persönlich gerne als wirkungsmächtige Narrative etablieren würden.

 

Renate Huber ist systemischer und integraler Coach, Transformationsbegleiterin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt in Bregenz. www.vielfaltgestalten.at

 

Es wird wieder vorüber gegangen sein