Räume, in denen wir reifer werden

Räume, in denen wir reifer werden

Menschliche Entwicklung verläuft in zwei Richtungen. Bei der horizontalen Entwicklung (Translation)
wird der Mensch vor allem “schlauer” oder “besser” in einer vorhandenen Fähigkeit. Bei der vertikalen
Entwicklung (Transformation) durchläuft der Mensch sinnvolle, aufeinander aufbauende Entwicklungs-
stufen, die ihn “erwachsener” oder “reifer” machen. Die Psychologin Cook-Greuter beschreibt
beispielsweise 9 Stufen der Ich-Entwicklung, die der Mensch durchläuft.

Können Organisationen auch reifen?

Vor der aktuellen Krise hat die Frage, wie sich Organisationen einer schnelllebigen, komplexen, digital
vernetzten, mehrdeutigen Welt anpassen können, viele Forscher und Führungspersonen beschäftigt.
Hier ein paar Aussagen dazu:

“Eine reife Organisation wird sich ihrer innersten Werte und ihres evolutionären Auftrags bewusst”
[Joachim Galuska]

“Einem reifen Unternehmen gelingt es gleichzeitig, in Liebe Räume zu schaffen, für das, was ist und für
das, was werden will.” [Alexander Martinez]

“Reif finde ich eine Organisation, die imstande ist, ihren Arbeits- und Entwicklungsmodus an die
Bedürfnisse einer gegebenen Situation anzupassen. Mit Modus meine ich, wie die Organisation
strukturiert ist und wie flexibel sie ist.” [Fritz Bläuel]

“Eine reife Organisation verzichtet konsequent darauf, gesunde Entwicklungen zu behindern”
[Susanne Leithoff]

Welche Rolle hat Führung in reifen Organisationen?

Damit eine Organisation ihre “innersten Werte”, ihren “evolutionären Auftrag” und die richtigen
Strukturen herausbilden kann, sind zwei neue und entscheidende Rollen wichtig: den Raum für die
evolutionären Strukturen und Praktiken zu halten, zu hüten und zu ermöglichen sowie als Vorbild
Haltungen wie Demut, Vertrauen, Mut, Verletzlichkeit und Authentizität zu leben.

Raum halten bedeutet, den Mitarbeitern die Gelegenheit geben, die beste Lösung selbst zu (er)finden.
Und dieses Finden und Erfinden ergibt sich in einem iterativen Suchprozess, einem Experiment. Raum
halten beinhaltet somit, ein Labor, einen geschützten Raum zu ermöglichen, in dem probiert, verworfen,
verändert und wieder probiert werden darf.

Raum halten erfordert auch, den menschlichen Entwicklungsprozess der beteiligten Personen zu
unterstützen. Denn nur reife Menschen halten das Potenzial für reife Organisationen.

Was unsere Zeit von uns braucht

In unserer Welt erfordert “Reife” – für einen Erwachsenen im Unterschied zu einem Heranwachsenen –
zumindest die Fähigkeit, die verschiedenen Erwartungen und Werte, die uns umgeben, zu erkennen und
sie eigenständig beurteilen zu können. Das erfordert von uns, dass wir ein inneres Bezugssystem oder
ein bedeutungsgebendes System entwickeln.

Wenn wir “von außen” auf Entwicklung schauen, wird leicht verständlich, dass wir “Reifung” als eine Art
“Gewinn” betrachten. In jeder neuen Entwicklungsstufe sind wir in der Lage, mehr zu sehen, unter mehr
Möglichkeiten auszuwählen, mehr zu tun. Aber “von innen” erlebt, erkennen wir, dass jeder Übergang zu
einer neuen Reifungsstufe zuallererst einen Verlust bedeutet.

Der Prozess der Transformation ist wirkliche Arbeit. Er fühlt sich wie eine Geburt an und ist mit
Geburtsschmerzen verbunden. Die Entwicklung eine ganz neuen Art der Bedeutungsgebung kann sich
anfühlen, als würde man sich selbst aufreißen. Unter guten Bedingungen können diese Prozesse
schmerzhaft sein und Verlust und Trauer mit sich bringen, anfänglich sogar Abwehr hervorbringen.
Wenn aber – unter weniger guten Bedingungen – unser Erleben eines großen drohenden Verlustes nicht
erkannt und ernstgenommen wird, entwickeln wir möglicherweise Widerstände und der Geburtsprozess
gerät bedrohlich ins Stocken.

Die Arbeit mit “Veränderungsimmunität”

Der menschliche Reifeprozess ist eine universale Entwicklung zu mehr Komplexität, mehr Integration
und der Einnahme von mehr perspektiven. Unabhängig von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind,
gehen wir durch den gleichen Entwicklungsprozess, der sich nur manchmal unterschiedlich ausdrückt.

Es ist leicht, diejenigen zu kritisieren, die aus unserer Sicht offensichtlich hartnäckig auf der falschen
Seite der Zukunft stehen bleiben. Aber vielleicht sträuben sie sich aus Angst um ihr Leben. Besser wäre
es wohl, Menschen nicht nur zu einer komplexeren Art der Bedeutungsgebung zu ermutigen, sondern
auch den Verlust, ja selbst die Wut, den Schrecken und die Verwüstung zu verstehen, die genau diese
Einladung hervorruft.

Die Einladungen sind erforderlich, aber sie müssen auch von einem Verständnis dafür begleitet werden,
welcher Preis dafür zu zahlen ist. Die Arbeit mit der “Veränderungsimmunität” sind wirkungsvolle
Möglichkeiten, um an beiden Seiten dieses Prozesses gleichzeitig zu arbeiten: Der Anerkennung der
Widerstände gegenüber notwendigem Wachstum und Wandel und die Einladung zu Praktiken und
Prozessen, die uns zu solchen Veränderungen befähigen.

 

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